Massenproteste. Polizeigewalt. Verletzte. Chaos.
Zwei Tage nach Kataloniens Referendum rät das Auswertige Amt, unter keinen Umständen nach Spanien zu reisen. Zum Tag der deutschen Einheit gleicht Barcelona einem Schlachtfeld – Separatisten, katalanische Polizisten, Befürworter der spanischen Regierung und Zivilgardisten leisten sich ein Gemetzel auf den sonst von Touristen besetzten Straßen der katalanischen Hauptstadt. Das erzählen mir Freunde am Telefon. Während ich, die Oktobersonne genießend, durch Barcelonas Gotisches Viertel schlendere, scheinen sich deutsche Nachrichtendienste zu überschlagen. Tag für Tag erkundigt sich meine Familie, ob ich verletzt sei. Kurz muss ich meine Tapas zur Seite legen, um ein Lebenszeichen von mir zu geben.
Das politische Chaos Spaniens scheint nur in der deutschen Medienlandschaft zu existieren. Vielleicht nicht ganz, immerhin war ich zwei Tage zu spät vor Ort, um einen Angriff auf die Demokratie zu erleben. Für deutsche Nachrichtendienste aber genau richtig, ein so spannendes Szenario ist zeitlich dehnbar. Statt aber zwischen extremistischen Protesten und polizeilichen Übergriffen unterzugehen, lass ich mich von den friedlich singenden Demonstranten Richtung Parlament treiben – „musics per la libertat“. Angeführt von einer spontan zusammengewürfelten Musikkapelle appellieren Hunderte von Menschen an Freiheit und Demokratie, Werte die offensichtlich mehr bedeuten als Catalunya oder España. Separatisten zeichnen sich genauso wenig ab wie blutrünstige Polizisten. Es gibt nur eine Gruppe die auffällt: Touristen. Sich hinter Smartphones versteckend, stürzen sie sich auf das Spektakel, um auf Instagram den Schreckensmeldungen im eigenen Land gerecht zu werden. #vivalarevolution, #si, #no, #paella, #policia, man begegnet hier wahren Helden der Revolution: 18 bis 56 Jahre alt, wahlweise mitteleuropäisch oder asiatisch, rückwärtsgewandt, die Displays vor den Gesichtern leuchten kaum so stark wie die darauf gebannten Augen. In einer Zeit, in der terroristische Nachrichtenmeldungen keine Seltenheit sind, entwickelt sich ein Voyeurismus, der seinesgleichen sucht.
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